Information und Technik Nordrhein-Westfalen (IT.NRW) - Verdienste in der Krise
Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Löhne und Gehälter in Nordrhein-Westfalen 2009

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Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Löhne und Gehälter in Nordrhein-Westfalen 2009

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Verdienste in der Krise
Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Löhne und Gehälter in Nordrhein-Westfalen 2009

Bruttojahresverdienste Vollzeitbeschäftigter in NRW 2007 bis 2009

Grafik als Datentabelle

Die im Verlauf des Jahres 2008 einsetzende Finanz- und Wirtschaftskrise hat 2009 in Nordrhein-Westfalen zu einem Einbruch des realen Bruttoinlandsproduktes um 5,8 Prozent (Quelle: VGR der Länder – vorläufige Daten) und damit zur schwersten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit geführt. Im Mittelpunkt des vorliegenden Beitrags steht die Frage, wie sich diese Entwicklung auf die Löhne und Gehälter der in Nordrhein-Westfalen beschäftigten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ausgewirkt hat.

Datenbasis der vorliegenden Analyse ist die Vierteljährliche Verdiensterhebung, die Verdienste und Arbeitszeiten in ausgewählten Betrieben des Produzierenden Gewerbes und des Dienstleistungsbereiches mit mehr als 10 Beschäftigten erhebt. Es handelt sich dabei um eine repräsentative Stichprobe, die rund 5 900 Betriebe und etwa 1,5 Millionen Arbeitnehmer/-innen in Nordrhein-Westfalen umfasst.

Schwächste Verdienstentwicklung der Nachkriegszeit

Der ungewöhnlich starke Produktionseinbruch der letzten Monate zog auch die Arbeitnehmerverdienste in Mitleidenschaft. Im Jahr 2009 wurde die schwächste Verdienstentwicklung seit Bestehen des Landes Nordrhein-Westfalen verzeichnet. Neben dem Rückgang der i. d. R. stark vom Unternehmenserfolg abhängigen Sonderzahlungen, war es vor allem die Reduzierung der Arbeitszeiten, die die Verdienstentwicklung beeinträchtigte. Der Abbau von Überstunden und der Verzicht auf Sonderschichten führten zu einem Wegfall der entsprechenden Zuschläge und Zulagen. Darüber hinaus wurde das Volumen der bezahlten Arbeitsstunden durch das Abschmelzen von Arbeitszeitkonten, Verringerungen der Regelarbeitszeit und nicht zuletzt die starke Inanspruchnahme von Kurzarbeit deutlich reduziert.

Geringer Zuwachs der Nominallöhne

Trotz einer kalenderjährlichen Erhöhung der Tarifverdienste von durchschnittlich rund 2,6 Prozent lagen daher die effektiven, d. h. die von den Arbeitgebern tatsächlich gezahlten Bruttojahresentgelte im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt aller vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2009 mit 43 301 Euro nur um 1,1 Prozent über denen des Vorjahres. Während sich die laufenden Bezüge bei einer um 1,5 Prozent reduzierten bezahlten Wochenarbeitszeit noch um 1,4 Prozent auf 39 199 Euro erhöhten, sanken die Sonderzahlungen um 1,6 Prozent auf 4 102 Euro. (Siehe Abb. 1.)

Die Verdienste der Teilzeitbeschäftigten erwiesen sich gegenüber denen der Vollzeitbeschäftigten als deutlich krisenfester. Bei einer bezahlten Wochenarbeitszeit von 23,4 Stunden (+0,4 Prozent) verdienten teilzeitbeschäftigte Arbeitnehmer/-innen durchschnittlich 20 519 Euro im Jahr. Damit lagen ihre Verdienste um 3,2 Prozent über denen des Vorjahres. Der wichtigste Grund für diese Entwicklung ist die vorwiegende Beschäftigung der Teilzeitbeschäftigten im Dienstleistungssektor – ein Bereich, der von der Wirtschaftskrise weniger stark getroffen wurde (siehe Tabelle 1).

1. Verdienste und Arbeitszeiten vollzeit- und teilzeitbeschäftigter Arbeitnehmer/-innen in NRW 2009
Merkmal
--------
Einheit
Vollzeitbeschäftigte Teilzeitbeschäftigte
Einheit
wie Vorspalte
%1) Einheit
wie Vorspalte
%1)
1) Veränderung gegenüber dem Vorjahr
2) laufende Bezüge, d. h. ohne Sonderzahlungen
Bezahlte Wochenarbeitszeit h 38,4 -1,5 23,4 +0,4
Bruttostundenverdienste2) EUR 19,59 +3,0 15,64 +3,2
Bruttomonatsverdienste2) EUR 3 267 +1,5 1 591 +3,5
Bruttojahresverdienste2) EUR 39 199 +1,4 19 094 +3,5
Sonderzahlungen (im Jahr) EUR 4 102 -1,6 1 425 -0,8
Bruttojahresverdienste insgesamt EUR 43 301 +1,1 20 519 +3,2

Stagnierende Reallöhne

Nur der moderaten Entwicklung der Verbraucherpreise (+0,3 Prozent) war es zu verdanken, dass vollzeitbeschäftigte Arbeitnehmer/-innen angesichts kaum gestiegener Nominallöhne von Reallohneinbußen verschont blieben. Die gesamtwirtschaftliche Verdienstentwicklung wird jedoch nicht nur von Veränderungen der individuellen Löhne und Gehälter beeinflusst, sondern auch von einer wechselnden Zusammensetzung der Arbeitnehmerschaft. Die Beschäftigtenstruktur nach der Branchenzugehörigkeit, dem Geschlecht sowie der ausgeübten Tätigkeit hat ebenfalls erheblichen Einfluss auf die Höhe und Entwicklung der Durchschnittslöhne. Blendet man im Rahmen einer Indexberechnung die Veränderungen in der Zusammensetzung der Arbeitnehmerschaft und deren Wirkung auf die Durchschnittslöhne aus, so waren mit einem Anstieg des Reallohnindex um 0,1 Prozent quasi stagnierende Reallöhne der Vollzeitbeschäftigten zu konstatieren.

Dienstleistungsbereich stabilisiert gesamtwirtschaftliche Verdienstentwicklung

Verlässt man jedoch die gesamtwirtschaftliche Ebene, so zeigt sich, dass das Jahr 2009 für eine Reihe von Arbeitnehmergruppen durchaus Nominallohn- und damit auch Reallohnverluste mit sich brachte. Die aktuelle Wirtschaftskrise traf vor allem die Vollzeitbeschäftigten des „Produzierenden Gewerbes“, deren Nominallöhne um 1,9 Prozent auf 43 179 sanken. Dabei wurde das "Verarbeitende Gewerbe" besonders stark in Mitleidenschaft gezogen, denn durch Kurzarbeit in vielen Branchen verringerte sich hier die bezahlte Wochenarbeitszeit um 5,0 Prozent. Der dadurch ausgelöste Rückgang der laufenden Bezüge um 2,9 Prozent wurde durch um 4,7 Prozent niedrigere Sonderzahlungen noch verstärkt. Am Ende stand für die Vollzeitbeschäftigten des „Verarbeitenden Gewerbes“ mit 43 008 Euro ein Verdienst, der um 3,1 Prozent unter dem des Vorjahres lag.

Im Gegensatz zum „Produzierenden Gewerbe“ konnte im Dienstleistungsbereich ein Lohnzuwachs von 3,1 Prozent auf 43 375 Euro realisiert werden. Mit den Bereichen „Erziehung und Unterricht“ (+4,1 Prozent), „Öffentliche Verwaltung, Verteidigung; Sozialversicherung“ (+3,9 Prozent) sowie „Gesundheits- und Sozialwesen“ (+3,2 Prozent) stabilisierten hier vor allem diejenigen Wirtschaftszweige die Lohnentwicklung, die nicht in erster Linie vom Marktgeschehen abhängig sind. Die leicht positive gesamtwirtschaftliche Verdienstentwicklung wurde damit vor allem vom Dienstleistungssektor gestützt.

Hohe Qualifikation auch in Krisenzeiten von Vorteil

Bei Betrachtung der Krisenbetroffenheit unterschiedlicher Beschäftigtengruppen ist ferner zu beachten, dass sich Verdienste nicht nur nach Wirtschaftszweigen, sondern auch nach Tätigkeit, Qualifikation und Geschlecht der Beschäftigten deutlich unterscheiden. In den 43 301 Euro brutto, die ein Vollzeitbeschäftigter im Jahr 2009 durchschnittlich verdiente, sind sowohl die 140 428 Euro eines männlichen leitenden Angestellten im Wirtschaftszweig „Verwaltung und Führung von Unternehmen und Betrieben; Unternehmensberatung“ enthalten als auch die 14 934 Euro einer weiblichen Vollzeitkraft im Bereich „Beherbergung“, die einfachste bzw. schematische Tätigkeiten verrichtete.

Der Einfluss unterschiedlicher Tätigkeiten und der dafür benötigten Qualifikationen auf die Höhe der Verdienste wird anhand folgender Zahlen deutlich: Arbeitnehmer/-innen in leitender Tätigkeit (i. d. R. mit Hochschul- oder Fachhochschulabschluss ausgestattet) verdienten mit 79 362 Euro im Jahr fast das Dreieinhalbfache einer Vollzeitkraft mit einfachsten, schematischen Tätigkeiten, wie sie i. d. R. von Ungelernten ausgeübt werden. Nicht nur die Höhe, auch die Struktur des Arbeitsentgeltes unterschied sich deutlich. Betrug der Anteil der Sonderzahlungen am Gesamtverdienst einer/eines Beschäftigten in leitender Stellung 13,0 Prozent, so machte er bei Ungelernten nur 6,8 Prozent aus. Mit 10 278 Euro waren die Sonderzahlungen der leitenden Angestellten fast sieben Mal so hoch wie die der mit einfachsten Tätigkeiten beschäftigten Arbeitnehmer/-innen (siehe Abb. 2). Höherwertige Qualifikationen in Verbindung mit einer adäquaten Tätigkeit schlagen sich jedoch nicht nur in deutlichen Gehaltsvorsprüngen nieder (siehe Abb. 2), sondern sorgten auch in der aktuellen Krise für eine positive Gehaltsentwicklung (siehe Abb. 3).

Bruttojahresverdienste Vollzeitbeschäftigter in NRW nach Tätigkeit

Grafik als Datentabelle

 

Entwicklung der Arbeitszeiten und Verdienste

Grafik als Datentabelle

Un- und angelernte Arbeitskräfte gleich zweifach Opfer der Krise

Beschäftigte die einfachste oder einfache Tätigkeiten ausführen (i. d. R. un- oder angelernte Kräfte), haben nicht nur ein geringes Lohnniveau, auch ihre Verdienstentwicklung verlief 2009 unterdurchschnittlich. Wurde im Mittel aller Vollzeitbeschäftigten im Jahr 2009 noch ein Lohnzuwachs von 1,1 Prozent realisiert, so sanken die Verdienste ungelernter und angelernter Kräfte um 1,7 bzw. 1,0 Prozent (siehe Abb. 3). Da die Arbeitsplatzentwicklung im Bereich der einfachsten und einfachen Tätigkeiten besonders stark rückläufig war, sank der Anteil des entsprechenden Personenkreises um 6 Prozent auf rund ein Fünftel aller Vollzeitbeschäftigten (siehe Abb. 4). Damit waren die in diesem Tätigkeitssegment beschäftigten Arbeitskräfte gleich zweifach Opfer der Krise.

Entwicklung der Arbeitszeiten und Verdienste

Grafik als Datentabelle

Im Zuge der krisenhaften Wirtschaftsentwicklung der letzten beiden Jahre mussten jedoch auch mit Fachtätigkeiten betraute Arbeitnehmer/-innen (i. d. R. mit abgeschlossener Berufsausbildung) auf eine Erhöhung ihrer Verdienste verzichten. Damit wurden fast zwei Drittel der vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmer/-innen mit sinkenden oder stagnierenden Nominallöhnen konfrontiert. Ursächlich für diese Entwicklung war die in diesen Beschäftigungsgruppen besonders starke Abnahme der bezahlten Arbeitsstunden von rund 2 Prozent. Der dadurch bedingte Rückgang der laufenden Bezüge wurde durch sinkende Sonderzahlungen noch weiter verstärkt.

Frauenverdienste steigen stärker als Männerverdienste

Sowohl vollzeit- als auch teilzeitbeschäftigte Frauen haben die Krise der letzten Monate im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen besser überstanden. Mit einem durchschnittlichen Lohnzuwachs um 2,7 Prozent auf 37 094 Euro lag der Anstieg des Jahresverdienstes vollzeitbeschäftigter Frauen deutlich über dem der Männer (+ 0,7 Prozent auf 45 782 Euro). Dabei spielt insbesondere eine Rolle, dass vollzeitbeschäftigte Frauen weitaus häufiger als Männer im Dienstleistungssektor arbeiten, der von der aktuellen Wirtschaftskrise weniger stark betroffen war. Dennoch lag der am Bruttojahresverdienst gemessene Verdienstabstand zwischen vollzeitbeschäftigten Frauen und Männern im Jahr 2009 immer noch bei −19,0 Prozent.

Auch bei den Teilzeitbeschäftigten stiegen die Frauenverdienste mit 3,2 Prozent auf 20 457 Euro stärker als die Männerverdienste (+3,0 Prozent auf 20 931 Euro). Der Verdienstabstand war hier mit -2,3 Prozent aber bei weitem nicht so groß wie bei den Vollzeitbeschäftigten.

Fazit

Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat die Lohn- und Gehaltsentwicklung der abhängig Beschäftigten in Nordrhein-Westfalen negativ beeinflusst. So stiegen die Bruttojahresverdienste für vollzeitbeschäftigte Arbeitnehmer/-innen im Jahr 2009 lediglich um 1,1 Prozent und lagen damit deutlich unter der vereinbarten Steigerung der Tariflöhne von 2,6 Prozent. Die gesamtwirtschaftlich leicht positive Lohnentwicklung war dabei in erster Linie auf die positiven Effekte im Dienstleistungssektor zurückzuführen. Im „Produzierenden Gewerbe“ und hier vor allem im „Verarbeitenden Gewerbe“ kam es aufgrund gesunkener Arbeitsstunden dagegen zu einem Rückgang der Löhne und Gehälter. Auch wenn ein Teil der Verdienstausfälle durch Kurzarbeitergeldzahlungen der Bundesagentur für Arbeit ausgeglichen wurden, zählten damit die Vollzeitbeschäftigten des „Verarbeitenden Gewerbes“ zu den Verlierern der Krise.

Lars Stegenwaller

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